Darum könntest du deine Sterilisation bereuen

Ob du dich nur über Sterilisation informierst, sie planst oder sogar schon hinter dir hast, oft kommt die – vielleicht sogar gut gemeinte – Warnung: "Du wirst die Sterilisation eines Tages bereuen!" Manchmal sogar belegt mit Geschichten von Freund*innen oder Nachbar*innen, die vor Jahren sterilisiert wurden und nun todunglücklich seien.

 

Aber wie wahrscheinlich ist es, dass du deine Sterilisation irgendwann bereust, und kannst du dieses Risiko senken? Die Vereinsmitglieder Sonja und Susanne haben für diesen Blogpost ein paar Zahlen aufgedröselt und auch eigene Gedanken und Ratschläge einfließen lassen. 


Die folgenden Zahlen stammen aus einer US-amerikanischen Studie von 1999 mit 11.232 Frauen, die im Alter von 18-44 Jahren sterilisiert wurden. 

 

Anmerkung zu "Frauen": Aus der Studie geht nicht hervor, ob generell Personen mit Uterus oder nur cis Frauen befragt wurden – geschrieben wird ausschließlich von "women", d. h. Frauen. Es ist möglich, dass unter den befragten Personen trans und nicht-binäre Menschen mit Uterus waren. Wir orientieren uns an der Quelle und schreiben im Folgenden von Frauen, wenn Zahlen aus der Studie zitiert werden.

 

Die beruhigende Nachricht vorweg: Die meisten Frauen sind auch Jahre nach ihrer Sterilisation damit zufrieden. Von den Frauen, die mit unter 30 Jahren sterilisiert wurden, bereuen 20,3 % ihre Entscheidung nach 14 Jahren. Bei den über 30-Jährigen waren es sogar nur 5,9 %! (Zur Einordnung: Laut einer Studie von YouGov bereuen es 20 % der Eltern, Kinder bekommen zu haben.)

 

Aber was kann nun dazu führen, die Sterilisation zu bereuen?

Gründe für die Reue

Die Narben der Sterilisation sind verblasst, das jüngste Kind wurde vor ein paar Wochen eingeschult – und dann ist da dieses leise Stimmchen: All das werde ich nie wieder zum ersten Mal mit einem eigenen Kind erleben? Der Wunsch nach mehr Kindern ist in der Studie mit Abstand der häufigste Grund für Reue. Von den Frauen unter 30 nennen ihn 33,1 %, bei Frauen über 30 sind es 26,1 %.

 

Manche Frauen stellen ihre Entscheidung nach einer Trennung oder mit dem Beginn einer neuen Beziehung infrage (23,9 % bei U-30, 8,0 % bei Ü-30). Die neue Lebenssituation lässt ihre Welt in einem anderen Licht erscheinen und offenbart einen (erneuten) Kinderwunsch.

 

Wenige Frauen nennen Gründe wie Druck aus der Partnerschaft/Unüberlegtheit, der Tod eines Kindes, Verlust der Sexualität und gynäkologische Probleme nach der Sterilisation. Es wird nicht erwähnt, um welche konkreten gynäkologischen Probleme es sich handelt, ein biologischer Zusammenhang zwischen Sterilisation und den Problemen wird in der Studie allerdings angezweifelt. Eine mögliche Erklärung: die Folgen der abgesetzten hormonellen Verhütung (stärkere, längere Blutungen und Schmerzen).

Alter und Geburten als Risikofaktoren

Die häufigsten Gründe für Reue kennst du nun. Die Studie hat zudem zwei Risikofaktoren für das Bereuen identifiziert: das Alter bei der Sterilisation einer Person und der zeitliche Abstand zur letzten Geburt.

 

Die folgende Tabelle zeigt, wie viel Prozent der Frauen ihre Sterilisation bereuen, unterschieden nach dem Zeitpunkt der Sterilisation (bis zum oder nach dem 30. Lebensjahr) und dem zeitlichen Abstand zur letzten Geburt (falls zutreffend). Die Zahlen stammen aus der letzten Befragung der Studie, die 14 Jahre nach dem Eingriff stattfand. 

Zeitpunkt der Sterilisation 18-30 
Jahre
> 30 
Jahre
Kaiserschnitt 20,3 % 9,5 %
Vaginale Geburt 23,7 % 8,7 %
 1 Jahr nach Geburt

22,3 %

5,2 %
2-3 Jahre nach Geburt

16,2 %

5,8 %
4-7 Jahre nach Geburt 11,3 % 7,9 %
≥ 8 Jahre nach Geburt 8,3 % 4,6 %
Ohne vorherige Geburt 6,3 % 5,4 %
Wahrscheinlichkeit für Reue (summiert)
20,3 %
5,9 %

Ausgehend von der Tabelle lässt sich sagen: Je älter die Frauen bei ihrer Sterilisation waren und je mehr Zeit zwischen dem Eingriff und der letzten Geburt lag, desto seltener bereuten sie ihre Sterilisation. Frauen ohne Kinder bereuten ihre Sterilisation besonders selten – dabei wird besonders ihnen die drohende Reue im Alter prophezeit! ("Dann hast du niemand, der dich später im Pflegeheim besucht …")

 

Aber warum bereuen fast ein Viertel der jüngeren Frauen die Sterilisation, wenn sie kurz nach einer Geburt stattgefunden hat? Der Körper nimmt Schwangerschaft und Geburt als psychische und physische Ausnahmesituation wahr und schüttet vermehrt Noradrenalin aus. Dieses körpereigene Hormon ist zwar super, wenn man schnell reagieren muss, schaltet aber auch Teile der Großhirnrinde ab, die uns beim Entscheiden und Nachdenken helfen.

 

Achtung: Die Zahlen dieser US-amerikanischen Studie sind mehrere Jahrzehnte alt sind und lassen sich nicht perfekt auf Deutschland übertragen – die Gesellschaftsstrukturen etc. sind zu unterschiedlich. Aktuelle, aussagekräftige Zahlen für Deutschland existieren derzeit nicht.

So bereust du deine Entscheidung wahrscheinlich nicht

Komplett ausschließen kannst du Reue nie – aber das Risiko dafür minimieren, wenn du die Entscheidung gut durchdenkst und ehrlich mit dir selbst bist. Stelle dir die folgenden Fragen: Was müsste passieren, damit ich in Zukunft noch ein Kind möchte? Würde ich mich anders entscheiden, wenn sich etwas in meinem Leben ändert, z. B. Beziehung, Betreuungs‑ oder Wohnsituation, Finanzen, körperliche/psychische Gesundheit? Erfüllt mich der Gedanke an eine Sterilisation eher mit Erleichterung oder lässt er mich noch zweifeln? Was würde mir mehr Sorgen bereiten – zu bereuen, keine (weiteren) Kinder bekommen zu haben, oder Eltern geworden zu sein? Die Erkenntnisse kannst du in einer Pro‑ und Contra-Liste notieren.

 

Falls du noch unsicher bist: Gib dir Zeit, niemand hetzt dich. Sprich mit Menschen über deinen Wunsch, die dir keine Vorwürfe oder Angst machen wollen, entweder im privaten Umfeld oder in unserer Facebook-Gruppe. Nutze noch eine Weile andere Verhütungsmittel. Wenn möglich, zieh dich für ein Wochenende zurück, versuche dich auf deine Interessen zu besinnen und überlege, wofür du deine Energie verwenden willst. Entweder kommt irgendwann der Moment, in dem du weißt: Ja, ich will die Sterilisation und nichts anderes – oder du merkst, dass du sie doch (noch) nicht möchtest! Du kannst auch einen OP-Termin vereinbaren, der ein halbes oder ganzes Jahr in der Zukunft liegt, und bis dahin dich hineinhorchen, ob du dich mehr und mehr darauf freust oder kalte Füße bekommst. Alles ist erlaubt und du musst dich vor niemandem rechtfertigen.

 

Falls du deine Sterilisation trotz allem bereust, aber Refertilisierung, künstliche Befruchtung und Adoption nicht infrage kommen: Belohne dich regelmäßig für deine Entscheidung! Mach dir bewusst, dass es gute Gründe für die Sterilisation gab. Und sei auch einfach mal schadenfroh und vergleiche dich mit Menschen, denen es schlechter geht. Laut dem Zeit-Artikel Die Kunst der Entscheidung fühlen wir uns dann besser.

Zuletzt: ein paar Zitate aus unserer Community

  • Ich bin jetzt 33 und habe eine Tochter, was ich immer gewollt habe. Aber seit der Geburt meiner Tochter stand fest, dass ich kein weiteres Kind möchte. Ich habe vier Jahre den Wunsch gehabt nach einer Sterilisation. […] Meine Entscheidung steht fest, ich bin seit Juli sehr glücklich darüber und habe es bisher noch keine Sekunde bereut.
  • Das einzige, was ich bereue, ist mich nicht früher aktiv um die Sterilisation gekümmert zu haben.
  • Mit meiner Hochzeit dieses Jahr kam das Thema im Kollegenkreis wieder auf. Fürchterlich. Dabei bin ich inzwischen seit fast zehn Jahren sterilisiert und ich habe es keinen Tag bereut. Im Gegenteil: Eine der besten Entscheidungen meines Lebens, die mir meine psychische Gesundheit bewahrt hat.
  • Ich bereue gar nix. Ich wollte zwei Kinder und das war’s. Ich habe es mit 26 und zwei Kindern sogar sehr genaue gewusst. 

Dieser Blogpost ist eine Zusammenfassung des Vortrags und der anschließenden Fragen unseres fünften virtuellen Stammtischs mit dem Thema "Das wirst du bereuen!" – oder etwa nicht?. Die PDF-Datei zum Vortrag kann hier heruntergeladen werden.

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