Anna

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass mein Wunsch jemals real wird.

Während ich dies tippe, zwickt es ein bisschen unterm Zwerchfell und meine Jogginghose drückt auf die drei Wattepads, die im Moment noch meine OP-Wunden verdecken. Gestern hatte ich meine Sterilisations-OP und es hätte nicht besser laufen können! Ich bin total überwältigt und muss das alles noch emotional verarbeiten, aber ich könnte glücklicher nicht sein.

 

Was habe ich nur für ein Glück gehabt, dass das alles so zeitnah geklappt hat? Mitte August saß ich wie so oft verzweifelt im Dunkeln, als ich mich entschloss Euch zu kontaktieren. Keine zwei Tage später hatte ich die Adresse einer Ärztin, eine Woche später die Beratung und keine vier Wochen danach den OP-Termin. Und ich war so aufgeregt! Es gibt kaum etwas, das mir größere Angst macht als Arztbesuche, ich bin noch nie operiert worden und ich hatte solche Sorge, dass ich bei meiner ersten Vollnarkose nicht wieder aufwache. Klar ist das ziemlich unwahrscheinlich, aber mein Kopf ist sehr gut darin, sich üble Sachen auszumalen. Doch diesmal war ich stärker, ich und mein Wunsch nach Freiheit! Deswegen habe ich es durchgezogen und bin heute die glücklichste selbstbestimmte Frau der ganzen Welt! 

 

Grüner Deich, im Hintergrund Strand und Meer - blauer Himmel mit kleinen Wolken

Die OP verlief zum Glück völlig komplikationslos und auch die Schmerzen sind schon nur noch halb so schlimm. Die Sonne scheint und ich genieße den ersten Tag vom Rest meines Lebens!

 

Ich bin meiner Ärztin sehr dankbar und kann sie mehr als empfehlen. Sie und ihr Team haben nicht nur super operiert, sondern waren auch so unaufgeregt offen meinem Anliegen gegenüber. Natürlich hat sie während der Beratung und auch vor der OP mehrmals nachgehakt, ob ich mir sicher sei und betont, dass man so eine weitreichende Entscheidung bereuen kann. Ich entgegnete, dass ich mir dessen bewusst sei und war angenehm überrascht, dass sie dies akzeptierte. Als Frau macht man ja eher die Erfahrung, dass einem bei diesem Thema die Entscheidungsfähigkeit abgesprochen wird. Die Hormone, der richtige Partner – irgendetwas wird früher oder später schließlich den Kinderwunsch wecken. Ich sollte zwar nach der Beratung noch ein paar Nächte drüber schlafen, aber sie versicherte mir, wenn ich den Eingriff wollte, würde sie ihn machen.

 

Dass meine Entscheidung zählt, hat mich tief geprägt und ich denke, davon werde ich auch in anderen Situationen noch profitieren können.

 

Beim Abschlussgespräch nach der OP war ich total begeistert, weil ich wieder wach geworden war und die Narkose so gut vertragen hatte. Ich fand es nur schade, dass ich nicht zugucken konnte. Doch da fragte die Ärztin, ob ich die Fotos sehen will, die sie gemacht hatte und OMG! Ich habe meinen Bauchraum gesehen! 28 Jahre ein abgeschlossener Raum und gestern habe ich den Beweis gesehen, dass es darin aussieht wie bei allen anderen auch! Ich habe meine Leber gesehen! Allein für dieses unbeschreibliche Gefühl, lebendig zu sein, hat sich die Bauchspiegelung schon gelohnt! Ich bin noch viel dankbarer und beeindruckter von der Natur und wie das alles funktioniert!

 

Nur eine Sache funktioniert nun nicht mehr. :) Ich habe jetzt keine Eileiter mehr und könnte erleichterter nicht sein. Ich habe zwar all die Jahre viel gelesen, aber erst in den letzten Wochen meiner Anatomierecherche begriffen, dass die Eileiter nicht nur eine starre Verbindung zwischen Uterus und Eierstöcken sind, sondern aktiv versuchen, den Samen zur Eizelle zu transportieren. Was ja auch Sinn macht angesichts der Tatsache, dass das Ei nur 12 Stunden befruchtbar ist und es in der Zeit gar nicht bis zur Gebärmutter schafft. Dementsprechend erschrocken war ich aber auch bei ihrem Anblick. Im Verhältnis so groß, tentakelig und gierig. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich die eh nicht haben wollen! Und dann das letzte Foto, auf dem sie entfernt waren! Wahnsinn, einfach Wahnsinn.

 

Ich bin unbeschreiblich dankbar für die Möglichkeiten der Medizin, dass ich diesen Schritt gewagt und dazu noch einen Mann habe, der bei diesem Wunsch wie ein bester Freund handelt und nicht wie ein klassischer Ehemann. Dass er einfach danach gegangen ist, was mich glücklich macht, ohne das persönlich zu nehmen oder mir reinzureden, das finde ich unglaublich bewundernswert. Ich weiß schon seit der Grundschule, dass ich keine Schwangerschaft erleben möchte, aber seitdem ich mit ihm 2009 die Liebe meines Lebens traf dachte ich immer, dass beides gleichzeitig nicht möglich ist, dass ich meine Ängste und Wünsche in dieser Sache irgendwann würde verdrängen müssen. Gestern hat mir gezeigt, dass ich das nicht muss. Mein Körper, meine Entscheidung, das habe ich nie so krass gefühlt, wie jetzt und es fühlt sich unbeschreiblich gut an! 


Die OP ist jetzt eine Woche her und ich war gestern beim Fäden ziehen und zur Nachkontrolle. Obwohl die Naht im Bauchnabel die Hölle war, sieht es ansonsten immer noch aus, als hätte es nicht besser laufen können. Ich bin so ein Glückspilz, wirklich. Ich bin nach wie vor baff, wenn ich auf den Kalender gucke und rekapituliere, was die letzten vier Wochen passiert ist. Ich habe so viele Jahre damit verbracht, mir immer wieder den Kopf zu zerbrechen – mich zu fragen, was ich muss und was ich nicht muss, was ich darf und was nicht. Ich habe sämtliche Argumente durchgekaut, alle Szenarien durchgespielt, alle Möglichkeiten in Betracht gezogen und obwohl ich doch immer zu dem gleichen Ergebnis kam, hätte ich niemals damit gerechnet, dass mein Wunsch jemals real wird. Ich werde ganz ehrfürchtig, wenn ich in den Berichten anderer Frauen lese, wie oft sie einfach abgewiesen wurden, während ich so ein Glück hatte, dass es Euch gibt und nichts dazwischengekommen ist und es einfach geklappt hat.

Schatten einer Person auf einem Rennrad

Ich bin frei! Nach 28 Jahren passt meine körperliche (Un-)Fähigkeit zu meinem inneren Willen! Ich kann das kaum fassen und habe seit einer Woche neue Energie und Ideen und ich stehe morgens motiviert auf und will alles in Angriff nehmen, was ich mir all die Jahre vorgenommen habe, wenn ich die Gewissheit hätte, dass ich mein Leben so werde leben können, wie ich mir das wünsche! Das meiste sind erstmal keine großen Sachen, aber allein die Vorstellung, dass ich mich für immer ohne große Organisation auf mein Rennrad werde schwingen und fahren können, wohin ich will, erfüllt mich mit so einer Erleichterung, dass ich erschrocken bin, wie sehr mich dieses Thema die ganze Zeit bewusst und unbewusst belastet hat. Und jetzt? Keine Minute muss ich mir mehr den Kopf zerbrechen! Ich bin einfach so aufgedreht -und freue mich darauf, das Bullshit-Bingo spielen zu können, ohne mir etwas davon zu Herzen nehmen zu müssen! Das ist auch so ein achievement, das ich letzte Woche unlocked habe 1 : Ich kann nun Witze darüber machen! Vorher haben mich blöde Kommentare wochenlang beschäftigt und nun mache ich von mir aus ganz allein selbst welche!

 

Ich habe nun das Ass im Ärmel, das jedem, der es nicht verstehen will, begreiflich machen wird, dass es meine Entscheidung ist und – dass ich entschieden habe. Das so schreiben zu können ist so fantastisch, dass ich mich all die Tage nicht entscheiden kann, ob ich laut lachen, breit grinsen oder weinen soll vor Freude. 

 

1  englischsprachiger Ausdruck aus Videospielen, to unlock an achievement: eine Trophäe freischalten (wenn ein bestimmtes Ziel erreicht wird)


Mittlerweile ist meine Sterilisations-OP vier Monate her und zur Euphorie über den Eingriff haben sich eine tiefe Zufriedenheit und innere Ruhe gesellt, die ich mit Worten kaum beschreiben kann. Kurz vorm Einschlafen spüre ich das besonders intensiv, weil ich in diesen Minuten häufig ganz anders gefühlt habe. Ich habe es schon immer als schreiende Ungerechtigkeit empfunden, dass ich einen Uterus habe, obwohl ich den gar nicht will. Dass dieser mich in eine Situation bringen kann, die ich nicht will. Dass ich dem ausgeliefert bin, obwohl ich das nicht will. Dass ich mich dagegen nur schützen kann, in dem ich auf Verhütungsmittel zurückgreife, die ich nicht will. Dass die Menschen in meinem Umfeld wegen dieses Uterus annehmen, dass ich will, was ich aber gar nicht will.

 

Selbstverständlich ist auch die Sterilisation nicht zu 100 % sicher, aber dass mir nun die gruseligen Fangarme der Eileiter fehlen, hat mich meinen Frieden mit dem kleinen rosa Organ schließen lassen, das auf den Fotos eigentlich ganz niedlich aussah, so klein und unschuldig. Wenn mein Mann und ich nun nebeneinander auf dem Sofa sitzen, dann haben wir annähernd das gleiche Risiko schwanger zu werden und der Gedanke bringt mich jedes Mal zum Lächeln.

Anmerkung von uns (April 2021)

Im Herbst 2020 erhielten wir kurz nacheinander zwei E-Mails von Anna und noch eine dritte im Februar 2021. Sie zeigten uns eindrücklich, wie sehr sich eine Sterilisation auf das Lebensgefühl auswirken kann – daher haben wir sie in Absprache mit der Verfasserin zu einem Bericht geformt.

 

Die im Text erwähnte Ärztin praktiziert mittlerweile leider in einer Klinik, die Sterilisationen sehr kritisch sieht. Der Wechsel dorthin kam durch äußere Umstände, auf die sie keinen Einfluss hatte. Sie plant aber langfristig, wieder eine eigene Praxis aufzubauen.

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