"Wenn ich entscheiden würde, dann würden Sie nicht sterilisiert. Sie sind viel zu jung."

Beruflich bin ich zwar im medizinischen Bereich unterwegs (Logopädin im Krankenhaus) und weiß um die Situation im Gesundheitswesen, die Hierarchien, Bürokratie und dem Umgang miteinander, jedoch war ich trotzdem sehr überrascht, wie mit mir umgegangen wurde, und teilweise regelrecht schockiert.

 

Aber first things first.

 

In den letzten drei Jahren habe ich mit meinem Mann zwei wundervolle (Wunsch-)Kinder bekommen. Sie sind zauberhaft und stellen unser Leben jeden Tag auf unglaubliche Weise auf den Kopf. Nach Kind Nr. 2 war klar, dass es bei diesen beiden Zuckerschnuten bleiben soll.

 

Schwangere Frau im Herbst

Nach der Geburt machte ich mir viele Gedanken darüber, wie ich/wir ab jetzt verhüten möchte/n. Seit ich 14 war, nahm ich bis zum Kinderwunsch im Januar 2016 die Pille. Nach dem Absetzen bemerkte ich die Auswirkungen auf meinen Zyklus (der spielte drei Monate lang verrückt), meine Stimmung (ausgeglichener), meine Haut (keine Unreinheiten) und Libido (verstärkt und zyklusabhängig). Das wollte ich nicht mehr. Nach Gesprächen mit meinem Mann kam die Möglichkeit der Sterilisation immer mehr auf. Für mich war klar, dass ich die Sterilisation machen lasse. Ich möchte kein weiteres Kind mehr.

 

Bei meinem nächsten Frauenarztbesuch besprach ich mit meiner Ärztin ausführlich Pro und Contra, sie rief im nahe gelegenen Krankenhaus an und vereinbarte die Termine zur Vorbesprechung und OP.

 

Mein privates Umfeld reagierte gemischt: Manche unterstützten das Vorhaben, andere gaben die Endgültigkeit, mein Alter und das Risiko der OP zu bedenken. 

 

Eine Woche vor der OP ging ich zum Vorgespräch ins Krankenhaus, wo eine Blutabnahme, eine gynäkologische Aufklärung und Untersuchung sowie eine Aufklärung bezüglich der Narkose auf mich warteten. Den gynäkologischen Part des Tages werde ich so schnell nicht vergessen: Mit dem Satz "Man weiß ja nie, was im Leben alles noch passieren wird ...“ begann die Ärztin das Gespräch und kam auf mein Alter zu sprechen, denn ich sei ja noch keine 30 (einen Monat später wurde ich 30). Sie zählte mir alle alternativen Verhütungsmethoden auf und fragte mich mit eindringlichem Blick, ob ich denn davon nichts ausprobieren möchte. Ich lehnte dankend ab. Als ich mich dann für die Entnahme der Eileiter statt deren Durchtrennung entschied, gab sie zu bedenken, dass eine Sterilisation nicht wie die Wahl einer Eissorte im Café und wirklich endgültig sei. Im weiteren Verlauf gab sie noch ihre persönliche Meinung zum besten, nach der ich gar nicht gefragt hatte: "Wenn ich entscheiden würde, dann würden Sie nicht sterilisiert. Sie sind viel zu jung." Sie schrieb die Einzelheiten zusätzlich auf den Aufklärungsbogen und ließ sich das von mir und der Krankenschwester (die die ganze Zeit anwesend war) mehrfach unterschreiben. Zum Abschluss des Gesprächs gab sie mir die Hand und klopfte mir mit den Worten "Überlegen Sie es sich gut" auf die Schulter. Nach unzähligen Unterschriften und ziemlich sprachlos verließ ich an diesem Tag das Krankenhaus.

 

Zwei Kinder und eine Frau fassen sich an den Händen

Eine Woche später war der Tag der OP. In der Tagesklinik des Krankenhauses angekommen warf ich mich in einen schicken OP-Kittel und wartete darauf, abgeholt zu werden. Nach einer kleinen Diskussion an der OP-Schleuse, warum ich das Beruhigungsmittel (das ich laut Tagesklinikpersonal bei Bedarf einnehmen kann) nicht genommen habe, kam der Narkosearzt zu mir. Bevor ich auf einer flauschigen Wolke in die Narkose flog, musste ich mir noch anhören, dass ich mir keine weiteren Tattoos stechen lassen solle, da man mir sonst keinen venösen Zugang mehr legen könne (nach meinen Recherchen totaler Blödsinn). Irgendwie kam ich mit dem Personal auf keinen grünen Zweig. Als ich dann noch auf die Frage, an welchen Strand ich mich gleich träumen möchte, mit "Irland" antwortete, sorgte das wohl für ziemlich viel Verwirrung. Die Antwort des Narkosearztes: "Strand? Irland? Da fährt man doch nur zum Saufen hin. Aber so sehen Sie ja auch aus." Okay ... 

 

Das Personal im Aufwachraum und in der Tagesklinik war dagegen sehr freundlich und wertungsfrei. Auch in der Abschlussuntersuchung ein paar Stunden später wurde ich ohne persönliche Meinung oder Anspielung untersucht. 

 

Ich sollte mich eine Woche schonen, keinen Sport betreiben oder Sex haben. Schmerzen hatte ich keine, die ersten zwei Tage hatte ich eine Art Seitenstechen, was aber lediglich etwas unangenehm war. 

  

Insgesamt bin ich mit der Sterilisation super glücklich und sehr froh, das Thema Verhütung komplett ad acta legen zu können. Allerdings bin ich tatsächlich sehr erstaunt, wie das ganze Procedere abgelaufen ist. Ich finde es vollkommen legitim, einen medizinisch nicht notwendigen Eingriff kritisch zu hinterfragen und sehr genau aufzuklären, aber eine ungefragte persönliche Meinung sowie sehr hinkende Vergleiche sind meiner Ansicht nach nicht Teil professionellen Handelns. Eine fehlende medizinische Indikation ist für mich auch kein Grund, einen begründeten Wunsch wie eine Sterilisation dermaßen zu relativieren, vor allem wenn man an andere "Wunsch-OPs" denkt. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass sich mein Gegenüber, sofern dieser eine Rolle wie die eines Arztes vertritt und mir nicht als Privatperson gegenüber tritt, neutral und wertfrei verhält. 

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@myterus

Lachender Uterus mit verknoteten Eileitern