Meine gesellschaftliche Pflicht …

… ist nicht das Kinderkriegen. Auch wenn der Anästhesist dies so sieht.

 

Es war eine der wenigen Situationen, in denen es mir einmal endgültig die Sprache verschlug: Da saß ich nun beim Vorgespräch zur Sterilisations-OP, beinahe schon freudig und voller Fragen angesichts meiner ersten Vollnarkose, und wusste nichts mehr zu sagen. "Sie erfüllen Ihre gesellschaftliche Pflicht nicht." Wie war ich nur hier gelandet?

 

Ich beschäftige mich seit zehn Jahren ehrenamtlich mit Kindern, verbringe meine Freizeit mit ihnen. Ich habe zwei Jahre als Nanny im Ausland verbracht und auch jetzt arbeite ich im Nebenjob ständig mit Kindern und Jugendlichen. All das macht mir Spaß, aber: Ich wollte nie "eigene" Kinder. Ich wollte nie schwanger sein! Jeden Monat erneut ein Alptraum, wann immer ich auch nur ein paar Stunden auf meine Periode warten musste. Nie habe ich nicht richtig, nicht zuverlässig verhütet, und doch hatte ich immer Angst vor dem Ausbleiben.

 

Bauch einer Frau nach der laparoskopischen Sterilisation, noch mit drei Pflastern

Doch erst im Sommer 2017 entschloss ich mich, aktiv einen Arzt zur Sterilisation zu suchen. Bei der Hochzeit einer Grundschulfreundin wurde ich zum wiederholten Male auf Heirats‑ und Kinderplanung angesprochen. Unverblümt, von Menschen, die ich zuvor nicht kannte. Und nur ich wurde gefragt. Mein Partner, der direkt neben mir saß, wurde nicht weiter behelligt. Unverständnis, Verwirrung, dann belustigtes Besserwissen: "Warte du nur mal – mit dem Richtigen kommt dann auch der Wunsch nach Kindern." Mein Partner, dato seit 5 Jahren, schmunzelte nur.

 

Mich schockierte diese Übergriffigkeit, die Unverschämtheit hinter der Aussage. Wieso sprach man mir ab, diese Entscheidung für mich treffen zu können? Glaubte man mich wirklich so abhängig vom Mann an meiner Seite? Wieso war ich plötzlich ein naives Dummchen, nur weil ich etwas nicht wollte? Wieso durfte man sich in einen der persönlichsten Bereiche meines Lebens einmischen? Und während ich versuchte, mir all diese Fragen zu beantworten, wurde mir eines noch viel klarer: Ich will es nicht. Egal was jemand sagte, egal was andere fühlten, egal wie ich es drehte und wendete. Ich wollte es nicht, ich würde es nie wollen. Weder mit diesem Mann an meiner Seite noch mit irgendeinem anderen.

 

Und weil ich schon wusste, dass mein "Kleinstadt-Gynäkologe" diese Entscheidung nie akzeptieren würde (er empfand schon die Spirale als zu dauerhaft für mich), begab ich mich auf die Suche. Und wurde glücklicherweise schnell fündig. Ein ernstes Gespräch folgte, denn der neue Arzt wollte alles über mich wissen. Er klärte mich über alle Risiken auf und gab mir Zeit Fragen zu stellen. Und dann die erlösende Aussage: "Mir ist Ihr Alter egal. Mir geht es nur darum zu sehen, ob Sie mit dieser Entscheidung wirklich glücklich sind. Und das sind Sie wohl."

 

Rückseite eines leeren Blisters einer Anti-Baby-Pille

Wenige Monate und einen entnervenden Termin beim Anästhesisten später fuhr ich früh morgens mit dem Taxi zum ambulanten Eingriff in die Klinik. Als eine der ersten Patientinnen am Annahmeschalter, Hineinschlüpfen in ein Krankenhaushemd, eine über das Prozedere belustigte Nachricht an den Partner. Noch vor Mittag wachte ich auf, durfte meinen Vater zum Abholen anrufen und sah noch einmal kurz meinen Arzt. Ich hatte wohl Glück – oder ich komme nach meiner Großmutter: Schon am nächsten Tag war ich quietschfidel. Ging einkaufen, aß mit besagter Oma zu Mittag und lümmelte ein wenig auf der Couch.

 

Ein Jahr später kann ich nur sagen, dass es die richtige Entscheidung für mich war. Keine Anti-Baby-Pille, keine Angst, keine Belehrungsversuche von Fremden, auf die mir nichts zu sagen einfällt. Meine Entscheidung, mein Leben, meine Zukunft. Meine gesellschaftlichen Pflichten? Die sehe ich anderswo: im Ehrenamt, in Spenden, in Nächstenliebe, in Gesetzestreue. 

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@myterus

Lachender Uterus mit verknoteten Eileitern
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