Mein Uterus ist kein gesellschaftlicher Brutkasten.

Ich bin Luise, 20 Jahre alt, Studentin und ich möchte mich sterilisieren lassen.

 

Ich möchte keine Kinder bekommen, das wollte ich eigentlich noch nie. Mein Kinderwunsch hatte sich in dem Moment erledigt, als ich 5 Jahre alt war und erfahren habe, dass man Kinder nicht wie Puppen einfach drei Tage in den Schrank legen oder bei Gelegenheit auch mal quer durchs Zimmer werfen kann, wenn man keine Lust auf sie hat. Mir wird gelegentlich vorgeworfen, ich sei Kinderhasserin. Das stimmt nicht, ich kann bloß nicht viel mit ihnen anfangen, genauso wenig wie mit vielen anderen Menschen, egal welchen Alters.

 

Ich habe viele Gründe für meine Entscheidung gegen Kinder, einige davon rational, andere eher emotional. Während ich diese Zeilen hier schreibe, leben aktuell circa 7,5 Milliarden Menschen auf diesem Planeten und in jeder einzelnen Sekunde kommen 2,5 Menschen dazu. Die Erde reicht nicht mehr aus, um eine solch große Anzahl von Menschen zu beherbergen und ich möchte nicht persönlich zu dieser Entwicklung beigetragen haben. Mit wachsender Weltbevölkerung steigt auch das Leid auf diesem Planeten. Jeder neunte Mensch auf diesem Planeten hungert, ein noch größerer Teil lebt in Armut oder Krieg. Das ist keine Welt, in die ich ein Kind setzen möchte, wo ich doch die Wahl habe, es nicht zu tun.

 

Kinder bedeuten Einschränkung. Viele Eltern bestreiten das und bezeichnen Kinder als das größte Glück auf Erden, das nur bereichert und keinerlei Einschränkungen mit sich bringt. Das stimmt so nicht. Kinder rauben Freizeit. Manch einer beschäftigt sich gerne in seiner freien Zeit mit dem Nachwuchs, ich tue das nur sehr ungern. Kinder nehmen Flexibilität in der Freizeitgestaltung. Mal eben ein spontaner Wochenendtrip oder des Nachts einfach nicht nach Hause kommen, weil man sich mit der Freundin irgendwo verquatscht hat, ist dann nicht mehr drin. Kinder schränken beruflich ein. Nach meinem Studium werde ich wahrscheinlich die nächsten Jahrzehnte im Labor verbringen, inmitten von Chemikalien und Experimenten, denen egal ist, welcher Wochentag es ist und ob man dieses mit seinen Kindern verbringen will und ich freue mich ganz ehrlich darauf. Ich liebe mein Studium und mache diese Laborarbeit aus Leidenschaft. Ich möchte nicht studieren, um hinterher meinen beruflichen Traum aufzugeben. Auch finanziell schränken Kinder ein. Kinder kosten nun mal etwas und leben nicht von Luft und Liebe, so sehr man sich das auch wünscht. Das Geld muss man erst einmal haben, auch das ist in diesem Land nicht allzu einfach. Gerade als alleinerziehende Mutter, die ich vermutlich wäre, da ich kein Typ für romantische Partnerschaften bin. Knappe Kitaplätze, die man am besten schon beim zweiten Strich auf dem Schwangerschaftstest beantragt, Schwierigkeiten bei der Jobsuche für Mütter … all das sind Dinge, die man wöchentlich irgendwo mal hört, und es wird sich so schnell auch nicht ändern.

 

Natürlich könnte ich anders verhüten und das tue ich auch. Kondome sind Standard, aber das allein reicht mir nicht. Aufgrund einer Hormonstörung fallen hormonelle Präparate sowie NFP für mich raus, und aufgrund allgemein starker Blutungen und Schmerzen unter der Periode sind Spiralen oder die Kupferkette auch nicht das Wahre. Soll ich mich also wirklich jahrzehntelangen Schmerzen und/oder dauerhaften hormonellen Schädigungen aussetzen, obwohl es einen leichteren Weg für mich gibt? Ganz zu schweigen davon, dass ich wirklich unter keinen Umständen schwanger werden möchte und deswegen in regelmäßigen Abständen Schwangerschaftstests mache, um eine eventuelle Schwangerschaft durch Versagen der Verhütung bloß nicht zu spät zu bemerken.

 

All diese Gründe sind durchdacht, weitestgehend rational und für viele Menschen nachvollziehbar. Und trotzdem werde ich nicht ernst genommen. Es heißt, ich sei zu jung, um das zu wissen, und mein Kinderwunsch werde irgendwann schon noch kommen. Was denn sei, wenn mein Mann (den ich eigentlich auch nicht wirklich möchte) denn Kinder möchte, und dass ich es auf jeden Fall bereuen würde, diesen Eingriff vornehmen zu lassen.

 

Mag sein, dass dem so ist. Es gibt keine Garantien im Leben, nirgendwo. Jedoch bereue ich es lieber, nicht mehr schwanger werden zu können, als irgendwann zu bereuen, dass ich ein Kind bekommen habe, das dann unter dieser Reue leiden muss. Regretting Motherhood ist kein sehr seltenes Phänomen und doch scheint dies immer noch ein Tabuthema zu sein. Hinzu kommt, dass ein Kinderwunsch oft in Zusammenhang mit einem Hormonschub steht und ich als Freund rationaler Entscheidungen keinesfalls durch einen solchen Hormonschub eine so lebensverändernde Entscheidung treffen möchte.

 

Kinder sollte man bekommen, wenn man sie wirklich möchte. Ich möchte keine und das weiß ich schon sehr lange. All die aufgezählten Gründe sind Gründe, aus denen ich persönlich keine Kinder bekommen möchte, das hat nichts mit anderen Leuten zu tun. Ich verurteile die Entscheidung, Kinder zu bekommen nicht. Kinder können etwas Wundervolles sein und es kann die beste Entscheidung des Lebens sein, welche zu bekommen. Nur eben nicht für mich.

 

Mein Körper gehört mir. Mein Uterus ist kein gesellschaftlicher Brutkasten, sondern mein Organ, genau wie meine Eileiter und Eierstöcke, und ich möchte selbst entscheiden, was damit passiert. Ich habe in diesem Land die Möglichkeit, mir die Brüste vergrößern, das Fett absaugen, Rippen entfernen oder die Nase umgestalten zu lassen, möglicherweise aus rein ästhetischen Gründen. Wenn das geht, so sollte es mir auch freigestellt sein, mich im vollen Bewusstsein der Konsequenzen sterilisieren zu lassen, um ein Stück mehr Lebensqualität zu gewinnen. Ich hoffe, dass ich bald einen Arzt finde, der mich und meine Einstellung ernst nimmt und mir diesen Lebenswunsch erfüllt.

 info(ät)selbstbestimmt-steril.de
Selbstbestimmt steril
selbstbestimmt_steril

@myterus

Lachender Uterus mit verknoteten Eileitern
Schutz vor Haftungsrisiken - Prüfsiegel vom Deutsches Ehrenamt e.V.

Mitglied beim Deutschen Ehrenamt e.V.

Unterstützt von unserer Kooperationsanwältin Juliane Reichard